23. August 2017

Prankenhieb: Dann wählt sie doch! - Ein Aufruf nebst einer Betrachtung der Seriosität Jürgen Elsässers

Noch gut ein Monat bis zur Bundestagswahl, und der Wahlkampf geht erstaunlich geräuschlos vor sich - der Schulzzug steht auf freier Strecke, eine Ablösung von Merkel scheint nicht in Sicht. Das wissen auch alle außer dem Schulzzug, aber der hofft ähnlich der AfD darauf, so unsympathisch zu sein, dass sich die Umfrageteilnehmer nicht trauen zuzugeben, für ihn stimmen zu wollen. Die Umfragen sind aber erstaunlich stabil, eine schrödereske Aufholjagd wie 2002 ist nicht zu erwarten. Offen bleibt lediglich noch, ob ich am Wahlabend vom Kneipenwirt meines Vertrauens eine Flasche Himbeergeist gewinne oder sie zahlen muss. Mit dem habe ich nämlich gewettet, dass die AfD einstellig bleibt.

Die AfD hat derweil in der letzten Woche in Magdeburg einen "Russlandkongress" veranstaltet, und weil sie natürlich der Lügenpresse nicht trauen, haben sie schon während der Veranstaltung dazu aufgerufen, sich das Video anzuschauen und nicht den Systemmedien zu glauben. Das habe ich getan. Dieses Video dauert 9 Stunden (in den Pausen kommen immer engagierte Einspielerkonserven vom Compact-Magazin) und hat es wirklich in sich. Bisweilen kam man sich von der Rhetorik vor wie auf einem Parteitag der MLPD oder der kommunistischen Plattform, aber in der Hinsicht schenken sich die sowieso nichts.

Da selbst ein Prankenhieb mit einer Streicheleinheit beginnen soll, zunächst etwas Positives: Die Veranstaltung bestätigt, dass die AfD tatsächlich keine Ein-Themen-Partei (Zuwanderung) ist, sondern im Gegenteil über ein außenpolitisches Konzept verfügt. Und dieses unterscheidet sich bezeichnenderweise nur in Nuancen von dem der Linken. Raus aus der NATO, Bruch mit den USA, Annäherung an Moskau. Damit aber das Publikum nicht aus Versehen ihre Anteile an der BRD GmbH (systemkonform: Wählerstimme) versehentlich Mütterchen Wagenknecht anvertraut, wurde das Ganze ordentlich mit pathetisch deklamierten Putinzitaten und volksdeutschem Zuckerguss bestreut. Radebrechende Spätaussiedler wurden als wahre Träger des Deutschtums gefeiert (das ist besonders lustig, weil gerade diese Gruppe nach ihrer Ankunft in den 90er Jahren kaum besser integriert war als die heutigen Invasoren und eine vergleichbare Kriminalitätsstatistik hatte). 

22. August 2017

Aus der Schwalbenperspektive (13): Spottdrosselgezwitscher zum Bundesliga-Saisonauftakt

Es ist angepfiffen: Die Bundesliga-Saison 2017/2018 hat begonnen. Der Sinn des Lebens, ja das Leben selbst ist zurück, und zwar mit seinen kleinen Alltagsfreuden, als da insbesondere wären: Verschwörungstheorien, die Diversity-Frage und die gute, alte Kapitalismuskritik.

Es gibt ein Aug, das alles sieht, und wenns fernab des Schiedsrichters geschieht - nun auch in der Bundesliga. Die Rede ist vom sogenannten Video-Assistenten. Dieser wird in der angelaufenen Spielzeit zum ersten Mal im heimischen Kicker-Oberhaus verwendet. Nein, ein Big Brother ist das nicht, auch kein Leviathan, denn zum einen darf der in Köln stationierte Bildschirm-Referee nur in eng umrissenen Situationen tätig werden, und die endgültige Wahrheitsfindung liegt bei den Pfeifenmännern (oder der Pfeifenfrau, Singular gerechtfertigt, dazu gleich mehr) auf dem Platz.

21. August 2017

Absturz

Eine Firma geht pleite. Das ist nichts Besonderes, das passiert in Deutschland etwa zehntausend Mal pro Monat.
Aber es ist Wahlkampf. Und ab einer gewissen Firmengröße gibt es dann den Holzmann-Effekt, das heißt Politiker geben viele Steuermillionen aus, um die Firma und die Arbeitsplätze für ein paar weitere Monate zu "retten".

Im Falle Air Berlin ging das besonders schnell: Schon gleich nach Bekanntwerden der Insolvenz erklärte die Wahlkampfregierung, daß der Steuerzahler sehr gerne 150 Millionen zuschießen würde. Etwas zu schnell, finden viele Experten aus der Branche. In so kurzer Zeit eine Kreditverhandlung mit Geschäftsführung, Eigentümern und Gläubigern durchzuführen - das riecht schon nach vorherigen Absprachen und einer gezielten Insolvenz.

Und generell ist es natürlich verboten, daß sich eine Regierung aktiv in den Wettbewerb einmischt. Früher war das üblich, aber dank der europäischen Einigung sind die Möglichkeiten politischer Subventionierung inzwischen stark eingeschränkt. Air-Berlin-Konkurrenten wie Ryanair haben deswegen schon Protest eingelegt und sich an die EU gewandt.

So weit, so schlecht, so üblich - aber nun geht es sogar noch weiter.

许巍 - 蓝莲花. "Der blaue Lotus" (2002)

许巍 - 蓝莲花

Xu Wei - "Der blaue Lotus" (Lán liánhuā, 2002)



沒有什麼能夠阻擋
你對自由的嚮往
天馬行空的生涯
你的心了無牽掛

穿過幽暗的歲月
也曾感到彷徨
當你低頭地瞬間
才發覺腳下的路

心中那自由地世界
如此的清澈高遠
盛開著永不凋零
藍蓮花

Nichts konnte jemals
Deine Sehnsucht nach Freiheit zähmen
Du hast alle Fesseln abgeschüttelt - 
Du hast dein Herz an nichts gebunden.

Du hattest den Weg verloren
Auf deiner Bahn durch das Dunkel
Doch sobald du nach unten geschaut hast
Hast du den Weg unter deinen Füßen entdeckt.

In der grenzenlosen Welt in deinem Herzen
Blüht auf ewig, rein und klar
Nie verwelkend, nie vergehend
Der blaue Lotus.

xīnzhōng nà zìyóu de shìjiè
rúcǐ de qīngchè gāo yuǎn
shèng kāizhe yǒng bù diāo líng
lán liánhuā

20. August 2017

Marginalie: Die Empörung über Erdoğan ist berechtigt, aber scheinheilig

Es ist ein eklatanter Verstoß gegen die anerkannten Regeln der diplomatischen courtoisie, wenn ein ausländisches Staatsoberhaupt Empfehlungen für die Parlamentswahlen in einem anderen Land abgibt. Von daher ist die Empörung deutscher Spitzenpolitiker über den - laut SPIEGEL-Online an "meine Bürger in Deutschland" gerichteten - Aufruf des türkischen Präsidenten, bei der Bundestagswahl nicht CDU, SPD oder die Grünen zu wählen, durchaus verständlich und berechtigt. Die öffentlich zur Schau gestellte Entrüstung ist aus zwei Gründen aber auch scheinheilig.

19. August 2017

Selbstdemontage. Samt einer Coda von fremder Hand

Es gibt Vorkommnisse, öffentliche Selbstdemontagen, zu denen sich jeder Kommentar erübrigt. So gestern bei dem Statement, das der Kanzlerkandidat der SPD, Marin Schulz, am Freitag morgen zum Massaker in Barcelona vor den Kameras der Weltöffentlichkeit ablieferte.



Zitat des Tages: Terrorismus und Fatalismus

"Das Risiko lässt sich nicht vermeiden, damit müssen wir uns abfinden. Aber jeder Einzelne kann Widerstand leisten – weiter in Cafés, zu Konzerten und auf Flaniermeilen gehen, und damit die eigenen Werte verteidigen."

Sandra Louven, "Der Terror ist zurück in Spanien", 18.08.2017, Handelsblatt online, zu den Terroranschlägen in Barcelona und Cambrils.

Kommentar: Um es vorwegzunehmen: Der Verfasser dieser Zeilen ist anderer Meinung als Sandra Louven. Die zwei angeführten Sätze aus deren verlinktem Artikel haben sich ungeachtet dessen ein Zitat des Tages verdient, weil sie den Tenor der nach Terroranschlägen erfolgenden, meist recht verschwurbelten Appelle der politisch-publizistischen Klasse prägnant zusammenfassen.

17. August 2017

Der Tod des Herzogs und die Niedersachsenwahl

Wenn man zeigen möchte, daß in der hohen Machtpolitik die moralischen Maßstäbe anderen Prioritäten unterliegen als im Alltagsleben, wird gerne Fouché zitiert. Als Napoleon, der außerhalb der Schlachtfelder oft wenig geschickt agierte, den Herzog von Enghien entführen und ermorden ließ, da kommentierte sein Polizeiminister: "Das war schlimmer als ein Verbrechen, das war ein Fehler". Denn fies darf man schon sein als Staatsmann - aber möglichst nicht doof.

Nun ist es etwas schwierig, von Napoleon überzuleiten auf Thomas Oppermann. Ein ganz krasser Niveauabstieg in nur wenigen Sätzen. Immerhin kann man auch vom SPD-Fraktionschef sagen, daß er außerhalb der - in Deutschland Gott sei Dank nicht mehr aktuellen - Schlachtfelder oft wenig geschickt agiert.

Es wäre auch übertrieben zu sagen, die von ihm angekündigte Verschiebung der Koalitionsgespräche nach der Wahl wäre ein Verbrechen.
Aber demokratisch anständig ist sie natürlich nicht. Nach den klassischen Vorstellungen arbeitet die Regierung für das Wahl des Landes, und eine unnötige Verzögerung bei der Regierungsbildung schadet also dem Land. Die SPD nimmt diesen Schaden in Kauf, um ihre Chancen bei der Niedersachsenwahl zu verbessern.
Kein Verbrechen, aber ein übliches mieses parteitaktisches Manöver.

Und ein Fehler.

16. August 2017

Die Mitglieder der Bundesregierung in der Einzelkritik

Um einen Wahlkampf zu beschreiben, bietet sich ein militärisches Vokabular an: Die Kampagne zur Abstimmung über die Bestückung des nächsten deutschen Bundestages wäre demnach als Sitzkrieg zu bezeichnen. Es rührt sich nicht viel und das Ergebnis dürfte so ausfallen, dass Angela Merkel auch weiterhin über eine Parlamentsmehrheit für ein von ihr geführtes Kabinett verfügen wird.

Aber auch wenn man Überraschungseffekte einkalkuliert, steht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fest, dass in der kommenden Legislaturperiode entweder die CDU/CSU oder die SPD (möglicherweise auch beide) an der Bundesregierung beteiligt sein werden, weshalb es mit dem einen oder anderen Minister ein Wiedersehen geben wird.

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) hat sich den verdienstvollen Spaß gemacht, die Mitglieder der derzeitigen deutschen Bundesregierung einer Einzelkritik zu unterziehen, wie man dies sonst etwa aus dem Sportjournalismus kennt. Da es langweilig ist, Einzelkritik an der Einzelkritik des wohl besten deutschsprachigen Tagesperiodikums zu üben, wird der Verfasser dieser Zeilen im Folgenden seine eigene Bewertung der Leistungen der Bundeskanzlerin und ihrer Minister abgeben. Die geschätzte Kommentatorenschaft ist herzlich eingeladen, es ihm im Kleinen Zimmer gleichzutun.

15. August 2017

Das Wettrennen um das nächste Informationsmonopol

­


Ein Gastbeitrag von Frank2000

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat das Wettrennen um den neusten digitalen Markt begonnen: das Wettrennen um ein Produkt, das so neu ist, dass nicht mal ein Gattungsbegriff dafür existiert.
Oder wie heißen die Dinger, die aus einem Chip, einem Mikrofon, einem Lautsprecher und einer Internetverbindung bestehen? Irgendwas mit "Assistent" vermutlich. Abgeleitet von den "Sprachassistenten", die auf den Handys angeboten werden.

14. August 2017

"Die Katzen"

Die Katzen

Die heiß Verliebten und staubtrockenen Doktoren,
Sie schätzen beide, sobald sie verblühten,
Die Katzen, stark und sanft, zum Hausschatz auserkoren,
Die wie sie frieren und wie sie das Zimmer hüten.

Von Wissenschaft wie Wollust sind sie angetrieben
wenn sie zur Stille und dem Graus der Schatten fliehen.
Im Hades würden sie die Leichenwagen ziehen
Wenn sie nur ihre wilde Freiheit schuldig blieben.

Und träumend liegen sie, ganz ohne Willen
Wie große Sphinxe, in die Tiefen hingebannt.
Sie scheinen wie im ewigem Schlaf versunken.

Aus ihren Lenden sprühen Zauberfunken,
Und goldener Staub, wie ein feiner Sand
Bestirnt hauchzart die magischen Pupillen.

(U.E.)


Les Chats

Les amoureux fervents et les savants austères
Aiment également, dans leur mûre saison,
Les chats puissants et doux, orgueil de la maison,
Qui comme eux sont frileux et comme eux sédentaires.
Amis de la science et de la volupté
Ils cherchent le silence et l'horreur des ténèbres;
L'Erèbe les eût pris pour ses coursiers funèbres,
S'ils pouvaient au servage incliner leur fierté.
Ils prennent en songeant les nobles attitudes
Des grands sphinx allongés au fond des solitudes,
Qui semblent s'endormir dans un rêve sans fin;
Leurs reins féconds sont pleins d'étincelles magiques,
Et des parcelles d'or, ainsi qu'un sable fin,
Etoilent vaguement leurs prunelles mystiques.

— Charles Baudelaire

Baudelaires Sonett "Les Chats", neben den gleich betitelten Singular-Gedichten "Le chat" ("Viens, mon beau chat, sur mon coeur amoureux" und "Dans ma cervelle se promène  / Ainsi qu'en son appartement...") eines der drei Stubentiger-Gedichte in den Fleurs du Mal, hier als No. 66, wurde zuerst in der Zeitschrift Le Corsaire vom 14. November 1847 gedruckt.

###

Der Leser möge dies als verspätete Abendgabe sowohl zu der Verpflichtung, die Wochenenden den beständigeren Sphären der Künste zu widmen, sehen, als auch als eine solche zum Weltkatzentag in der verflossenen Woche. Felidae, so sei betont, sind zwar strenge Gewohnheitstiere, doch stets nur auf eigenes Betreiben, nur auf die Anordnungen eines von Dosenöffnern ausgeheckten Zufallskalendariums.

U.E.

© U.E. Für Kommentare bitte hier klicken.

BTW 2017. And the winner is...




Lieber Leser:

Vor gut elf Monaten wurde an dieser Stelle das Ergebnis der Wahlen zur US-Präsidentschaft bekanntgegeben. Das hatte nicht zuletzt das Ziel der Fokussierung, um unnötige Verzettelung vin Aufmersamkeitsökonomie zu unterbunden. Heute sei der gleiche Dienst in Hinblick auf die anstehenden Wahlen zum Deutschen Bundestag gelistet. Wobei, dies sollte klar sein, es nicht um die de jure zu bestimmende Besetzung des Parlaments geht, sondern die sich daraus ergebende Weichenstellung, wer innert der nächsten Legislaturperiode "Kanzler kann", um es im bevorzugten politischen Idiom unsere politisch-medialen Klasse, in "leichter Sprache" also, zu sagen. Auch geht es mir nicht um die nächsten Wahlen, die, um es in der Begrifflichkeit der Luhmann'schen Systemtheorie auszudrücken, einen Unterschied machen" (a difference that makes a difference). Was in gut 1500 Tagen sein wird, in 48 Monaten, erscheint von heute aus ungewisser denn je; keine Kristallkugel könnte die Bahn, die dieses Land und seine Führung bis dahin nimmt, ansatzweise enthüllen. Nein, hier geht es um den in sechs Wochen anstehenden Urnengang, dessen Ergebnis en gros bereits so unumstößlich feststeht wie die Anzahl der bis dahin noch verrinnenden Stunden.

10. August 2017

Eine Verteidigung Wolfgang Amadeus Mozarts

Muss man Wolfgang Amadeus Mozart verteidigen? Offenbar schon. Denn wie Sabine Bergk in einer unbedingt zur Lektüre empfohlenen Ausgabe ihrer auf cicero.de erscheinenden Kolumne "Morgens um halb sechs" enthüllt, lehnen sämtliche zeitgenössische Tonsetzer, mit denen sie Kontakt hatte, den großen Salzburger Komponisten ab. Zu kitschig sei das Œuvre des vor gut 225 Jahren Verstorbenen nach dem Verdikt der Moderne, die nur das schwer Zugängliche und Komplizierte als Kunst anerkenne.

Sabine Bergk kann man vertiefte Einblicke in die heutige Musiktheater-Community ohne weiteres zugestehen. Sie ist nämlich nicht nur Schriftstellerin, sondern hat auch selbst das eine oder andere Klangwerk, darunter auch Stücke des hier interessierenden Urhebers, auf die Bühne gebracht.

9. August 2017

Im Namen des Volkes? - Gedanken eines Nichtjuristen

Was haben Juristen und Bären gemeinsam? Dass ihnen beiden die Literatur - in Person von Harry Rowohlt bzw. Ludwig Thoma einen mäßigen Verstand zuschreibt. Nun bin ich kein Jurist und auch nur qua nom de plume ein Bär, versuche aber trotzdem hier einigermaßen verständlich meine Gedanken zu einer interessanten Diskussion aus dem kleinen Zimmer darzulegen.

An Hand eines - von den meisten Diskussionspartnern als skandalös empfundenen - Urteils wurde die Frage aufgeworfen, in wie weit die Justiz zu einer "Geheimwissenschaft" geworden ist, die sich anmaßt, "im Namen des Volkes" Recht zu sprechen und in Wirklichkeit dessen Gerechtigkeitsempfinden systematisch verletzt.

Ich stelle die beiden konträren Positionen an Hand von exemplarischen Zitaten dar, ersuche aber den Leser, sich zum Verständnis die komplette Diskussion anzusehen.

Der geschätzte Autorenkollege Noricus schreibt:
In diesem Forum wird verbreitet (und zu Recht) die Meinung vertreten, dass die Ergebnisse von Diskussionen, die Theaterwissenschaftler über Abgasnormen führen, irrelevant sind bzw. sein sollten. Anders sieht man das offenbar, wenn Nichtjuristen anhand eines von einem Nichtjuristen geschriebenen Zeitungsartikels (wie war das mit der Glaubwürdigkeit der Presse? Gab es da nicht mal das L-Wort?) bei sonstiger Unkenntnis des Verfahrens ihre Ansichten über die Rechtsrichtigkeit eines Urteils äußern.

Der ebenso geschätzte Forist dirk schreibt:
Wenn Gesetze allgemeinverbindlich sind und Recht im Namen des Volkes gesprochen werden soll (gut, das wurde es hier offenkundig nicht), dann kann eine Diskussion ueber Recht und Rechtsprechung nicht einer lizensierten Minderheit vorbehalten sein. Die Juristerei ist keine "Science". Im Gegenteil: Je mehr Fachkenntnis erforderlich ist um Rechtssprechung nachzuvollziehen, umso schlechter der Zustand der Juristerei.(...) In einer idealen Welt wendet der Jurist Recht an, hat also quasi die Bedeutung eines Sachbearbeiters. In der realen Welt schaffen sich Juristen Interpretationshoheit und berufen sich zum Priester. Im Unterschied zu anderen Bereichen, zu Wissenschaften, ist der von ihnen behandelte Gegenstand nicht kompliziert. Er wird kompliziert gemacht, entgegen dem wie es idealerweise sein sollte.

Ist also die Justiz, wie der Vorwurf lautet, a) undemokratisch und b) elitär?

Google, Gender, Galgenstrick ?

Es ist in der deutschen Öffentlichkeit eine absolute Nickeligkeit, vielleicht allenfalls dazu da, um mal zwischen 15 und 18 Uhr den Ticker einer online Zeitung zu füllen, nichts was auf Seite eins groß auftaucht oder auch nur eine Chance hätte durch die Print-Presse in den Stand einer echten Nachricht geadelt zu werden: Anfang dieser Woch wurde durch Alphabet (die Muttergesellschaft und damit Eignerin von Google) der Ingenieur James Damore entlassen (genauer: gefeuert). Und in China ist ein Sack Reis geplatzt. Sollte man meinen. Eine nähere Beschäftigung mit dem Falle dagegen offenbart und characterisiert ein Problem, dass weit bedeutender ist, als nahezu alles, was derzeit durch den deutschen Blätterwald getrieben wird, von den Schulzschen Nachwahlambitionen bis zu hochgehypten Fipronil-Skandalen.

6. August 2017

Zur Abwechslung mal wieder ein kleines Quiz

Als dieses (dieser?) Blog noch von seinem Gründer unter dem nom de plume Zettel betrieben wurde, war es nicht ungewöhnlich, daß ab und an den Lesern eine kleine Frage, in Form einer Multiple-Choice-Entscheidung, gerichtet wurde, um auf überraschende Sachverhalte hinzuweisen oder deren Besonderheit, eben durch den Kontrast (oder die Vergleichbarkeit) der angebotenen Lösungsoptionen in ein kärftigeres Licht zu tauchen. In diesem Sinne sei hier, nach langer Pause, eine solche Probe vorgelegt. (Strenggenommen handelt es sich um nichts Multiples, da es nr um eine einzige Auswahl zwischen zwei Positionen geht.) Auf den beiden folgenden Fotos ist jeweils eine Schulklasse des Sommers 2017 zu sehen; bei beiden Schulen handelt es sich um die Abschlußklassen weiterführender, bzw. studienberechtigenden Abteilungen eines mehrzügigen Schulsystems. Welches der beiden Bilder stammt aus

A. Deutschland?
B. Syrien?

(Die Lösung, mitsamt einigen kurzen Reflektionen, wird morgen an dieser Stelle nachgereicht.)

1.)­



2.)





4. August 2017

Wir werden alle sterben! Eine kleine Dieselei

Man hat es schon nicht leicht, wenn man dieser Tage die Zeitung liest.Statt das Sommerloch mit den vielleicht dringenden Problemen unserer Tage zu füllen (anschwellende Flüchtlingszahlen in Italien, überbordende Sozialausgaben, steigende Kriminalität) hat sich das deutsche Establishment auf ein neues Thema gestürzt: Das Ende des Verbrennungsmotors für Fahrzeuge, und wenn nicht das, wenigstens für Dieselfahrzeuge. Die Rede ist dabei ständig vom "Dieselkandal" und den 10.000 Toten, die man durch das Verbot dieser Fahrzeugtypen demnächst einsparen werde.

2. August 2017

Kurioses, fast unkommentiert: "Schulz 2017"

Lieber Leser,

vielleicht erachten Sie ja den Kürlauf des Kandidaten der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, SPD genannt, zur kommenden Bundestagswahl als eine, salopp gesagt, Nullnummer, vielleicht sogar den Kandidaten selbst, den Gottkanzler in spe, Martin den Einzigen, weiland im Aufsichtsrat der Firma EU und verflossener Würseler Spaßbadgroßmeister, unnetterweise für eine Null. Bislang konnten Sie sich damit trösten, daß es sich hierbei um eine unmaßgebliche Privatmeinung handelte, und Trost aus der alten roten Weisheit schöpfen: "Du, Genosse, hast nur zwei Augen - die Partei hat tausend Augen!" Aber was seit kurzem von der Kampa der SPD zur Beglückung, ja Bestechung, der prospektiven Wählermassen angeboten wird, scheint geeignet, moralisch weniger gefestigten Zeitgenossen den Eindruck zu vermitteln, man sehe dies im Willy-Brandt-Haus ähnlich.
­

Aus der Schwalbenperspektive (12): Schämt euch, ihr Türken!

Über den Unterschied zwischen Frauenfußball und Fußball hat sich der Kollege Noricus ja schon eingehend geäußert. Ich stimme ihm zwar nicht darin zu, dass man sich auf den Frauenfußball in den nächsten Jahren freuen kann, aber das ist ja im Grund genommen auch egal.

Im Gegensatz zu Sportarten wie Tennis, Biathlon, Schwimmen, Ski alpin oder - mit Abstrichen - Leichtathletik, wo die öffentliche Aufmerksamkeit trotz ebenso erheblicher Leistungsunterschiede annähernd gleich  zwischen männlichen und weiblichen Athleten verteilt ist, wird dem Frauenfußball immer ein sportliches Attraktivitätsdefizit bleiben. Denn wir als Zuschauer haben uns an ein hochathletisches, physisch dominiertes Spiel gewöhnt, und zwar - von der gesamten Mannschaft!

1. August 2017

Aus der Schwalbenperspektive (11): Nicht Hilfreiches über Frauenfußball

Königin Fußball regiert derzeit Europa: In den Niederlanden findet gegenwärtig die Kontinentalmeisterschaft im Balltretsport statt. Die deutsche Mannschaft (Frage an die Emma: Müsste es „Frauschaft“ heißen?) ist im Viertelfinale gegen Dänemark ausgeschieden. Die Damen aus dem Norden kämpfen am Donnerstag gegen die Österreicherinnen um den Einzug ins Endspiel. Die zweite Semifinalpartie bestreiten nur wenige Stunden später die Gastgeberinnen und die Engländerinnen.

Es soll hier kein Lamento darüber angestimmt werden, dass das Seriensiegerteam mit dem Bundesadler auf dem Trikot heuer so früh seine Koffer packen musste. Es soll auch nicht darüber spekuliert werden, ob für Bundestrainerin Steffi Jones die Schuhe ihrer außerordentlich erfolgreichen Vorgängerin vielleicht zu groß sind. Nein, es sollen hier ganz allgemeine, zweifellos nicht hilfreiche (sapienti sat) Betrachtungen über den Frauenfußball angestellt werden.

31. Juli 2017

劉金蓮 - 藍色的憂鬱 (1973)




劉金蓮 - 藍色的憂鬱

Lau Chin Lian - "Blaue Schwermut" - lán sè shì yōuyù (1973)

藍色的燈,藍色的夜,藍色是憂鬱,
藍色的情,藍色的愛,藍色是憂鬱。
難以排遺,難以忘懷,藍色的記憶,
憑著這一片,藍色的記憶,解除我心頭憂鬱。

藍色的天,藍色的海,藍色是煩惱,
藍色的沙,藍色的夢,藍色是煩惱。
惆悵心潮,陣陣捲起,藍色的波濤,
但願這一陣,藍色的波濤,洗去我心頭煩惱。

藍色的燈,藍色的夜,藍色是憂鬱,
藍色的情,藍色的愛,藍色是憂鬱。
難以排遺,難以忘懷,藍色的記憶,
憑著這一片,藍色的記憶,解除我心頭憂鬱。

30. Juli 2017

Eine Bankrotterklärung

Es gibt Momente, in denen sich jeder Kommentar erübrigt. In denen man sich auch den oft bemühten Rekurs auf Karl Kraus' Wendung "...fällt mir nichts ein" ersparen kann. So heute angesichts dieser Titelzeile des Tagesspiegels aus Anlaß des Hamburger Amoklaufes mit islamischer Grundierung vom Freitag (des wievielten eigentlich?). Was hier gefordert wird, ist nichts weniger als die Kapitulation des Rechtsstaats und die Preisgabe an die Barbarei. Fiat justitia et pereat mundi. Zum Mitschreiben: der Schutz der Bürger ist die erste Aufgabe eines Staates, ihr verdankt er seine Legitimation. So sehen es einhellig die Begründer des modernen Staatsrechts - Thomas Hobbes im Levitahan (1651) - der bekanntlich die absolute Monarchie präferierte, aber die Preisgabe der Schutzfunktion des Staats als die eine und einzige Rechtfertigung des Königsmords ansah; und John Locke, dessen Second Treatise on Government (1692), dem wir die Begründung der regelmäßigen Rechtfertigung der Regierungen durch Wahlen verdanken, der in diesem Bruch des contrat social durch den Staat dem Bürger freie Hand gibt, sich umgehend der Obrigkeit, gleich wie diese sich bislang legitimierte, zu entledigen. Man darf aber annehmen, daß dem Geistfreien, der sich diese Headline hat einfallen lassen, gemäß der flächendeckenden Ignoranz unserer Medienschaffenden in Bezug auf rechtsstaatliche und demokratische Prinzipien derlei Aspekte Hekuba waren und es nur darum ging, im Wettbewerb um den imbezilsten Aufmacher den seit elf Jahren ungeschlagenen Spitzenreiter des FOCUS - Israel droht mit Selbstverteidigung - locker um etliche Stockwerke zu unterbieten.



*     *     *

PS. Der Tagesspiegel ist nicht das einzige Organ der "vierten Gewalt", das sich an diesem Wochenende an diesem Wettbewerb beteiligt. Die Zeitung, hinter der nach früherer Eigenwerbung "immer ein kluges Kopf steckt", berichtete am Samstag über das Urteil in einem Prozeß gegen vier Angeklagte, die im Oktober 2014 im westfälischen Tönisvorst einen 81-jährigen Rentner in seinem Haus überfallen und so bestialisch gefoltert hatten, daß er die Tortur nicht überlebte, um an vermeintliche Informationen über Wertsachen zu gelangen. Bermerkenswerterweise wertete der Richter den Umstand, daß sie von ihrem Vorhaben abgelassen hatten, nachdem der Tod eintrat, als mildernden Umstand. Die Namen der Verurteilten (nach dem deutschen Presserecht werden aus Personenschutzgründen nur die Vornamen genannt) lauten, wie man den Presseberichten entnehmen kann: Murat C. (23), Hasrit S. (19), Madonna R. (23) und Meto K. (19). Nur macht die FAZ daraus Namen, die eineindeutig einer anderen Nationalität zuzuordnen sind, auf die man anscheinend, den Gehässigkeiten der Tagespolitik folgend, ad libitum mit der Tastatur einprügeln kann: "Jerzy S. und Mariusz F."


Das Motto der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lautet offenbar: "Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschrieben."

U.E.

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

25. Juli 2017

Kurioses kurz kommentiert: Reguläre Eingriffe in die Bestsellerliste

"Die SPIEGEL-Bestsellerliste stützt sich auf Verkaufszahlen, wird aber vielerorts als Empfehlungsliste verstanden. Eingriffe in die Bestsellerliste sind den Regularien zufolge möglich, allerdings selten."

So die stellvertretende SPIEGEL-Chefredakteurin Susanne Beyer auf SPON zu der Entfernung des Titels "Finis Germania" von der SPIEGEL-Beststellerliste.

Kommentar: "Difficile est saturam non scribere", meinte der römische Dichter Juvenal: "Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben." Eine redaktionell bearbeitete Bestsellerliste ist schon ein reichlich widersprüchlich Ding.

Woher stammt eigentlich die Meinung, dass ein Verkaufsschlagerranking als Empfehlungsliste aufgefasst wird? Als der Verfasser dieser Zeilen noch den gedruckten SPIEGEL las, wunderte er sich sehr oft über die gute Platzierung so manchen Buches. Auf die Idee, dass das Hamburger Nachrichtenmagazin das von ihm abgedruckte Classement billigte, wäre er jedoch nicht gekommen. Denn eine nach dem objektiven Absatzkriterium erstellte Beststellerliste ist etwas anderes als ein (notwendig subjektiver) Applaus-Index.

Sind Bestsellerlisten nicht prototypische Symtome des prole drift, der "Tendenz zur kulturellen Ochlokratisierung" (Noricus in ZR vom 17.06.2017), auf die man mit dem intellektuellen Hochmut eines Horaz herabschauen könnte? "Odi profanum vulgus et arceo" - "Ich hasse den würdelosen Pöbel und halte ihn von mir fern", schrieb der Poet mit dem Beinamen Flaccus. Als dessen Abkömmling im Geiste vermöchte man sich über den allzu liederlichen Geschmack der "Vielzuvielen" (zur Abwechslung ein Zitat des Nichtrömers Nietzsche) allenfalls mit leicht dandyhaftem disgust zu erheben.

Wie viel Angst hat die Presse vor einem nicht hilfreichen Buch, wenn sie diesem mit der damnatio memoriae und nicht mit purer Arroganz begegnen zu müssen glaubt?

Noricus

© Noricus. Für Kommentare bitte hier klicken.

23. Juli 2017

Sommerseelenbaumelnlassenmusik: 謝天笑-風是外衣


Herzschlagmusik. Reggae. Auf Chinesisch. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

謝天笑-風是外衣




Xie Tian Xiao, "Der Wind ist mein Mantel" (fēng shì wàiyī), vom Album 只有一個願望/zhǐyǒu yīgè yuànwàng (Ein einziger Wunsch), seinem dritten Album von 2008.

每個在我醒來的早上我總想每個人都一樣 
細細的水流進了海洋誰的理想還是在閃閃發光 
那風是外衣風是外衣一步能行萬里能在空中飄來飄去 
風是外衣風是外衣我不停地問自己是不是已無法忘記 
沒次在我憂傷的時候我總想遙望那西邊的太陽 
悠悠的歲月也不會再倒流我明白這都是上天的安排 
那風是外衣風是外衣一步能行萬里能在空中飄來飄去 
風是外衣風是外衣我不停地問自己是不是已無法忘記 
風是外衣 
風是外衣風是外衣一步能行萬里能在空中飄來飄去

Jeden Morgen, wenn ich aufwache
Wünsche ich, das jeder dies wäre:
Ein Tröpfchen Wasser, ein Teil des funkelnden Ozeans.
Der Wind vor der Tür ist wie ein wehender Mantel
Ein einziger Schritt kann mich Meilen forttragen
der Wind ist mein Mantel.
Ich sag es mir immer wieder - ich werde das nicht vergessen.
Und wenn ich bedrückt bin, sehe ich nach Westen
In die sinkende Sonne, und ich weiß:
Dies ist eine göttliche Welt.
Der Wind ist ein Mantel, ein Mantel.
Er reicht Meilen hinauf - der Wind ist mein Mantel

22. Juli 2017

Streiflicht: Nix mit nix. Das war wohl nix.

Der Witz vom "Nix, dass alles mit Nix zu tun hat" ist inzwischen ja schon ein bischen gealtert. Er basierte im Wesentlichen auf der geradezu mantrahaften und nicht weniger absurden Formulierung, dass "das alles (hier ist eine beliebige Schandtat einzusetzen) nichts mit dem Islam zu tun hat". Und er zog seinen humoristischen Ansatz vor allem daraus, dass diese Formulierung nicht nur inhaltlich leer und abgedroschen war, sondern auch nicht zuletzt davon, dass man sich schon Mühe geben musste noch jemanden zu finden, der den Unsinn glaubte.