23. März 2017

Marginalie: Mal wieder die Lückenpresse

Das Thema Lückenpresse (und artverwandte Wörter) ist ja nun schon öfter öffentliches Thema gewesen, zuletzt besonders nach dem Mord von Freiburg, aber auch insbesondere nach dem Kesseltreiben von Köln 2015, bei dem sich die Presse nicht nur alle Mühe gab, den Vorfall zu ignorieren, als auch möglichst lange den Hintergrund zu verschweigen. Wir alle wissen wie das ausgegangen ist, und auch wenn sich die Medien mühen zu betonen, dass die meisten Deutschen ihnen immer noch glauben, so dürfte die Glaubwürdigkeit der selben mit den Vorgängen zu Silvester und zu Freiburg schon deutlich eingebeult worden sein.

22. März 2017

Zum Welttag der Poesie: 杜牧 - 金谷园



Daß die Vereinten Nationen - in Gestalt ihrer Unterorganisation UNESCO - manche Tage des Jahres  unter ein besonderes Motto, ein Thema gestellt haben, einer Sache, die damit in den Aufmerksamkeitsfokus der Öffentlichkeit gerückt und gefördert werden soll, dürfte bekannt sein. Weniger bekannt dürfte sein, daß seit der Einführung des ersten Termins, dem "Tag der Vereinten Nationen" (24. Oktober) im Jahr 1948 im Lauf der Jahrzehnte Dutzend solcher Gedenk- und Memorialtage hinzugekommen sind. Wobei man es hier neben unzweifelhaft lobenswerten wie dem Welttag des Buches (23. April - wohl nicht zufällig Shakespeares Geburtstag) und dem Internationalen Mädchentag (11. Oktober) auch zu, nun, sagen wir gewöhnungsbedürftigeren gebracht hat: vom "Earth Day" (22. April) bis zum Weltyogatag (21. Juni, seit 2015). Der "Tag des Deutschen Butterbrotes" (am letzten Freitag im September; seit 1999) ist allerdings nicht in die Obhut der UN gestellt und beschränkt sich bis dato auf Schland.

Ebenfalls seit 1999, mit Gültigkeit seit dem Jahr 2000, gibt es nun am heutigen 21. März den "Welttag der Poesie". Auf der Netzseite der Deutschen UNESCO-Kommission liest man dazu folgendes:

Die UNESCO hat den 21. März zum "Welttag der Poesie" ausgerufen. Er wurde erstmals im Jahr 2000 begangen. Der Welttag soll an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern.
Die UNESCO weist der Dichtkunst auch im Zeitalter der neuen Informationstechnologien einen wichtigen Platz im kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu. Der Welttag der Poesie soll Verlage ermutigen, poetische Werke besonders von jungen Dichtern zu unterstützen, und er soll dazu beitragen, den kulturellen Austausch zwischen den Völkern zu intensivieren.
Auf der Seite der Vereinten Nationen zu diesem Termin erfährt man des weiteren, daß der Termin in diesem Jahr dem Werk des georgischen Dichters Nikolos Barataschwili (1817-1844) gewidmet ist, was man als Erweis für die Notwendigkeit dieses Tages nehmen könnte, dieweil der Endunterfertigte bislang noch nie von ihm gehört hatte. Aber da sich meine Kenntnis der georgischen Literatur und Sprache überhaupt durch eine ebensolch flächendeckende Unkenntnis auszeichnet, sei gestattet, daß ich mein Scherflein zu diesem Tag aus einem anderen Bereich besteuere.

杜牧 - 金谷园
繁华事散逐香尘
流水无情草自春
日暮东风怨啼鸟
落花犹似坠楼人

Du Mu (803-852), "Garten im Goldenen Tal"

Von der blühenden Pracht bleibt nur süßer Staub.
Das Wasser fließt ewig, das Gras regungslos.
Am Abend, wenn die Vögel im Ostwind rufen,
Fallen die Blüten wie das Kleid eines Mädchens - vor so langer Zeit.

21. März 2017

Dummes, fast unkommentiert: "Voll reinbrettern in Trump"



Noch zu den Genossen von der SPD und ihrer respektvollen, erwachsenen Art, sich auf den kommenden Wahlkampf einzustimmen. Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, daß dergleichen nicht von einer Werbeagentur wie etwa Scholz & Friends kommt, sondern von einer - einstmals - großen und respektierten Volkspartei. Zudem: sollte sich hier zeigen, wie unsere Parteien das geistige und geschmackliche Niveau der Leute einschätzen, von denen sie gewählt werden wollen, läßt das tief blicken. Ganz nach der Devise: "Du bist über 18 und passionierter Gamer? Aber Tetris ist viel zu ambitioniert für dich? Dann haben wir für dich in der SPD genau das richtige Level."

In einem heutigen Artikel der Berliner "Morgenpost" liest man dies:
Berlin. Der Schulz-Zug rollt bei der SPD. Hundertprozentig. Und der Zug der Genossen ist nicht zu stoppen – jedenfalls virtuell. Denn beim Onlinespiel "Schulzzug.eu", mit dem die SPD seit dem Wochenende ihren Wahlkampf auf Touren bringen will, gibt es erst gar keine Bremse. Und auch sonst bietet die Fahrt den Mitspielern ein paar Überraschungen....
Plötzlich steht AfD-Chefin Frauke Petry auf dem Gleis. Oder Donald Trump. Oder Wladimir Putin, mit nacktem Oberkörper. Was tun, so ganz ohne Bremspedal? Ganz einfach: Wenn, so die Spielanleitung, "fiese Populisten versuchen, mit ihren rückwärtsgewandten, beschränkten und mauerorientierten Ideologien den Weg zu versperren", muss der Spieler als Lokführer mit dem Zug auf ein anderes Gleis ausweichen oder es überspringen, sonst gibt es Minuspunkte. Mit dem Europastern, den man unterwegs auflesen kann, hat der Zug aber "volle Energie", jetzt gibt es sogar Extrapunkte, wenn die Lok in Schranken kracht – oder in die Mauern mit den Politikern dahinter. Die getroffene Figur fliegt dann zur Seite, virtuelles Blut fließt nicht.
Entstanden ist das in der Anmutung eher bescheidene 8-Bit-Pixelgrafik-Spiel im Willy-Brandt-Haus, und als eine der ersten Testerinnen brachte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley unter Jubel gleich US-Präsident Trump zur Strecke. "Erst einen Stern sammeln und dann voll reinbrettern in Trump", hatte ihr jemand erklärt, ein Video zeigt die Szene."
Von der bodenlosen Geschmacklosigkeit einmal abgesehen: was sagt das über das #neulandverständnis einer Partei, die ein Videospielniveau mit einer Optik für State-of-the-art hält, das die Industrie vor über 30 Jahren hinter sich gelassen hat? Offenkundig dies: daß man bei den Genossen nie über Pacman und Space Invaders hinausgekommen ist.

Und jetzt stellen wir uns, nur ein paar Sekunden lang, vor, die AfD etwa würde sich dergleichen mit Frau Merkel & Co. erlauben.

(Abgelegt unter #infantil #schulzomania #pack-man)

Ulrich Elkmann

© Ulrich Elkmann. Für Kommentare bitte hier klicken.

15. März 2017

Die Angst vor dem Wähler

Am Wochenende war es teilweise schwer seinen Augen zu trauen: Da stellt sich ein europäischer Ministerpräisdent, der ansonsten nicht unbedingt im Rufe steht, besondere Austeilerqualitäten aufzuweisen, auf die Hinterbeine und verwehrt per oberster Order dem Außenminister einer zumindest vordergründig befreundeten Regierung die Landeerlaubnis, ein zumindest ungewöhnlicher und direkter Affront. Als die Familienministerin eben jenes Landes versucht dem Ministerpräsidenten ein Schnippchen zu schlagen und eben doch "so hinten rum" dessen Willen außer Kraft zu setzen, wird diese gar zur unerwünschten Person erklärt und des Landes verwiesen. Man reibt sich die Augen: Was ist da passiert?

10. März 2017

Des Kaisers kurze Kleider

Der Verfasser dieser Zeilen ist alles andere als ein Kenner traditioneller Kleiderordnungen. Und gesellschaftliche Anlässe scheut er ohnehin wie der Teufel das Weihwasser. Aber wenn der neue Bundespräsident für seinen Amtseinführungsempfang den Dresscode "Dunkler Anzug/Kurzes Kleid" ausgibt, so hätte sich der Erdunterfertigte auch ohne einschlägiges Hintergrundwissen gedacht, dass dies keine Aufforderung an die weibliche Gästeschar darstellt, ihre Beine möglichst freizügig darzubieten. Gemeint ist damit vielmehr, dass die Damen keine Abendgarderobe tragen sollen. Was in den zur Dienstantrittsfeier des Staatsoberhauptes geladenen Kreisen auch so verstanden wird.

8. März 2017

Gedanken zur Freiheit der Wissenschaft

­Würde mich jemand fragen was Wissenschaft ist würde ich als erstes anmerken wollen, daß der Wortstamm im Grunde unglücklich gewählt wurde. Wissenschaft hat nämlich im Sinne des Wegs zu Erkenntnis sehr viel mehr mit Zweifel, denn mit Wissen zu tun. Sie sollte daher, beschreibt das Wort doch einen Prozeß nicht das Ziel desselben, viel eher "Zweifelschaft" heißen.

Nach Karl Popper ist Wissenschaft dabei ein Prozeß, welcher mit intersubjektiv überprüfbaren (also falsifizierbaren) Theorien versucht, empirische Beobachtungen zu beschreiben. Die formulierte Theorie wird dabei immer wieder mit empirischem Datenmaterial abgeglichen. Solange die Theorie diesem Vergleich standhält, kann man sie als aktuellen Kenntnisstand der Wissenschaft bezeichnen. Es ist allerdings per definitionem unmöglich die Theorie als absolut richtig zu beweisen, denn: Gleichgültig wie viele empirische Beobachtungen die Theorie auch bestätigen, kann niemals die Möglichkeit ausgeschlossen werden, daß eine empirische Beobachtung einmal der Theorie widersprechen könnte.

Yildirim, Çavuşoğlu, Erdoğan und der Wahlkampf in Deutschland. Ein Vorschlag zur Güte

Nun hat nach einigem leidigen Hin und Her also der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu seinen mit Spannung erwarteten Wahlkampfauftritt auf deutschem Boden absolviert - nach vergleichbaren (oder zumindest laut angekündigten) Whistle stops seiner Kabinettskollegen Binali Yildirim (Ministerpräsident), Bekir Bozdağ (Justizminister), Nihat Zeybecki (Wirtschaftsminister) und einer für die nächsten Wochen in Aussicht gestellten Visite des Präsidenten der Türkischen Republik Recep Tayyip Erdoğan. Daß dies im Zuge einer Werbekampagne bei den hier lebenden Staatsbürgern der Türkei zur Volksabstimmung am 16. April über die Änderung der laizistischen Verfassung erfolgt, mit dem die demokratische Verfaßtheit dieses Staates durch etwas ersetzt werden soll, das auch wohlwollende Beobachter als "Präsidialdiktatur" bezeichnen, mag man, als wohlwollender Schonlängerhierlebender, mit einem Lächeln als "innere Angelegenheit der Türkei" zur Kenntnis nehmen. Auch daß es sich - eigentlich - für Politiker anderer Staaten nicht ziemt, im Ausland Wahlkampf zu betreiben - egal ob nun in demokratisch blütenweißen Belangen oder zur Absegnung einer brutalen Autokratie: geschenkt. Weder Herr Trump noch Frau May, nicht Herr Wilders oder Mme. Le Pen haben sich hierzulande als Wahlkämpfer die Ehre gegeben, aber, so sollte man bedenken: sie verfügen in diesem Land auch nicht über eine Basis von Millionen potentieller Wähler, die es zu mobilisieren gilt. Von türkischen Politikern sind wir in Deutschland seit geraumer Zeit dagegen solche Auftritte gewohnt - und schließlich kennt sogar die Jurisprudenz das Konzept des Gewohnheitsrechts, nach dem Verstöße gegen den strikten Buchstaben oder den Geist der Gesetze durch fortdauernde Nichtsanktionierung zu ihrer stillschweigenden Suspendierung führen. Sicher, der umgekehrte Fall ist schwer vorstellbar: daß also Sigmar Gabriel, Heiko Maas und Brigitte Zypries in Antalya, Ankara, Kars oder Istanbul vor einem endlosen Meer schwarzrotgoldener Fahnen für die Wahl Herrn Schulzens oder Frau Merkels ein vergleichbares Schaulaufen veranstalten könnten. (Der kleine Zyniker gibt an dieser Stelle zu bedenken, daß solche Staatsinsignien im Fall von Frau M. geeignet sein könnten, Unwillen auszulösen - weshalb die Gewohnheit der türkischen Regierung, sie bei ihren zahlreichen Besuchen am Goldenen Horn vor riesigen türkischen Flaggen zu plazieren, nicht etwa einen Bruch der diplomatischen Etikette darstellt, sondern von Rücksichtnahme zeugt.)

6. März 2017

Die innere Ruhe oder der Aufstand?

Der türkische Präsident Erdogan hat mal wieder alle Hände voll zu tun, möglichst viel Platz in deutschen Zeitungen zu erlangen. Nun, es ist ihm gelungen. Sein Nazi-Vergleich ist wunderbar geeignet in Deutschland maximal zu provozieren und Aufmerksamkeit ist ihm absolut sicher. Man darf sich fragen, warum er das macht.

3. März 2017

Zitat des Tages: "Ich halt mich als Moderator neutral raus"

„Aber weißt Du, wir müssen in so einer öffentlich-rechtlichen Sendung, wir müssen aufpassen, ich glaube, man darf da nicht zu oft drüber sprechen im Fernsehen, das kann wahnsinnig schnell… weil jetzt, allein dass wir jetzt darüber geredet haben ist schon für mich die Gefahr… ich halt mich als Moderator neutral raus, ist ein schwieriges…ich würde...ich mache folgenden Vorschlag: Wir reden da nicht weiter drüber, wir reden jetzt über Musik.“
Jan Böhmermann im Interview mit dem Rapper Kollegah im Gespräch über gegen diesen geäußerte Antisemitismusvorwürfe, NEO MAGAZIN ROYALE vom 02.02.2017 

Kommentar:
Dass ich als weitgehender Böhmermannabstinenzler überhaupt auf das Thema gekommen bin, habe ich Martin Sehmisch zu verdanken, der bei den Salonkolumnisten ausführlich darüber berichtet hat. Was Sehmisch hier schreibt, ist alles richtig - ich möchte aber gerne noch einen weiteren Punkt beleuchten: 

Dass Böhmermann behauptet, sich als Moderator bei einer politischen Frage "neutral rauszuhalten", ist der Witz des Jahrhunderts. In derselben Sendung zeigt er ganz klar "Haltung" gegen Trump ("Der Präsident der USA ist ein oranger Psychopath, der gesteuert wird von 'nem versoffenen Nazi"), Brexit ("Boris Johnson is a big wanker and Nigel Farage, too. Don't listen to them"), Seehofer ("Lachen wie im Bürgerbräukeller") und ähnliche Themen, die zu behandeln er im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht als "Gefahr" für sich selbst sieht.

1. März 2017

Fastenzeit

Karneval ist vorbei, jetzt kommt laut kirchlicher Tradition die Fastenzeit. Da verzichtet man auf manche schönen Sachen, insbesondere leckeres Essen und Trinken. Einige Wochen bestraft man sich selber für seine Sünden und tut Buße.

Und da für manche Leute Umwelt- und Klimaschutz die neue Religion ist, wird auch die Fastenzeit entsprechend abgewandelt. "Autofasten" fordern die Grünen im und außerhalb des Bundesumweltamtes. Immerhin - sie erkennen also inzwischen, daß Autofahren etwas Schönes ist.

Aber so ganz haben sie es doch nicht verstanden. Denn Ziel ihres Fastens ist es, daß die Leute gar nicht mehr damit aufhören. Daß sie einmal im Bus oder auf dem Rad sitzend begeistert sind von ihrem Verzicht und immer so weitermachen wollen. Der wahre Grüne müßte eigentlich umgekehrt fasten: Das Jahr über fröhlich den ÖV nutzend, um sich dann in der Fastenzeit ins Auto zu quälen.

Dieser Fastenaufruf ist nicht nur die übliche dümmliche Volkspädagogik, die davon ausgeht, daß die Menschen zu dumm und unwissend sind um von der Existenz von Bussen und Fahrrädern zu wissen und nur deswegen Auto fahren, weil ihnen bisher keiner von den Alternativen erzählt hat.
Das ist vor allem auch keine realitätsnahe Einstellung zum Fasten. Denn nach dem Fasten schmecken der Braten und der Wein doch wieder besonders gut, macht das Gasgeben erst recht wieder Spaß. Die Bundesumwelt-Bußprediger beweisen mit dieser Aktion wieder einmal, daß man wohl die komplette Behörde problemlos auflösen könnte.

Nicht ans Dogma hält sich der grüne Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu. Er ruft nicht zum Autofasten auf, sondern zum Autokorso um gegen die Unterdrückungspolitik Erdogans zu protestieren.
Nach Ansicht dieses Autors ist das die wesentliche lebensnähere, sympathischere und moralisch überlegene Einstellung.


R.A.

© R.A.. Für Kommentare bitte hier klicken.

Marginalie: Der ach so freche Karneval

Für Nicht-Rheinländer ist die berüchtigte fünfte Jahreszeit oftmals nur schwer zu verstehen und noch schwerer zu verdauen. Jetzt sind wir alle auf Kommando lustig. Ist nicht jedem Seins. Und wer keinen Alkohol trinkt für den ist es dann noch schwieriger. Aber an für sich undramatisch, beschränkt sich der Unsinn bekanntlich im Wesentlichen aufs Rheinland, deshalb soll der Karneval selbst auch hier nicht das zentrale Thema sein, sondern nur ein Teilaspekt davon. Der "freche" Teil.

28. Februar 2017

Aschermittwoch der Jongleure

Der Jongleur kann von den drei bis fünf Bällen oder Keulen immer nur zwei mit der Hand halten, die andern müssen in der Luft sein, das ist die große Kunst. Unsere Kirchenvertreter wollen das jetzt auch hinkriegen: Evangelische und katholische Kirche in der Hand, die ökumenische und das Gottesreich in der Luft. Beim Luther-Fest „Wie im Himmel so auf Erden“ soll es noch viel toller werden: Himmel und Erde in den Händen, in der Luft die Verbindung alles Getrennten im Gottesreich. Denn: Martin Luther wollte die Kirche ja nicht spalten, sondern reformieren. „Wie im Himmel, so auf Erden" ist das Leitwort des geplanten Ökumenischen Festes im September in Bochum. Da ist aber etwas zu Boden gefallen.

23. Februar 2017

(Un)bedingt wehrfähig?

Ob es wirklich nur eine Marginalie ist mag jeder für sich selbst entscheiden, aber unser frischgebackener Außenminister glänzte auf der ­ Münchner Sicherheitskonferenz am letzten Samstag (also der Konferenz wo man den Amis mal Bescheid stossen wollte, wie das demnächst in der Nato laufen soll) mit der tiefschürfenden Erkenntnis, die Nato-Länder sollten nicht in Glückseeligkeit(?) über eine neue Aufrüstungsspirale verfallen. Ebenso verkündete er, dass man die laut Nato-Übereinkunft zu niedrigen Ausagen der Deutschen, nicht "überinterpretiert" werden sollten und er jedenfalls nicht wisse, wo man das Geld dafür hernehmen solle.

21. Februar 2017

Besser Lesen

Der klassische Journalismus ist in der Krise, von den Qualitätsproblemen vieler Medien war hier im Blog schon oft die Rede.
Das Internet gilt der einen Seite als Ursache dieser Krise. Weil es "kostenlos" Inhalte bereitstellt und damit das Geschäftsmodell der Verlage gefährdet und weil dort unkontrolliert Sachen veröffentlicht werden können, die nicht durch eine Redaktion gelaufen sind.
Der anderen Seite gilt genau das als Chance und Zukunftshoffnung. Die etablierten Redaktionen werden als Einschränkung und Zensur gesehen, das preiswerte Publizieren als Möglichkeit neue Sichtweisen unters Volk zu bringen.

Klar ist auf jeden Fall, daß gute Recherche und vollständige Information viel Arbeit und Aufwand bedeuten. Wer soll das künftig leisten? Wird es im Internet einen besseren Journalismus geben können?
Es gibt Beispiele, die machen da Hoffnung.

Wenn der Mehltau zurück schlägt: Herr Danisch und der MDR

Zum Jahreswechsel machte sich unser Mitautor Noricus in seinem Jahresrückblick ein paar Gedanken dazu, dass 2016 ein Jahr war, in dem der Mehltau nicht nur in Deutschland langsam etwas schwand. Dem ist unbedingt zuzustimmen, und man soll die Hoffnung nicht ablegen, dass auch 2017 ein Jahr sein wird, in dem wir mehr auf den Boden der Tatsachen zurückkehren und die verkrusteten Strukturen weiter aufbrechen. Aber ebenso muss man gerade dann damit rechnen, dass diejenigen, die den Mehltau erst geschaffen haben, die von ihm profitieren und ihn für eine Notwendigkeit halten, kaum tatenlos dabei zusehen werden, wie man ihren Sumpf trocken legt. Oder anders gesagt: Man beisst zurück. Ein solches Beispiel ist dem Blogger Hadmut Danisch diese Woche wiederfahren.

20. Februar 2017

Miszelle: Trump und Schweden. Eine kleine Richtigstellung

Der Aufreger unserer geschlossen agierenden Medienlandschaft in ihrer nicht nachlassenden Verbellung der Ahnungslosigkeit, der Ignoranz, ja Bösartigkeit des amtierenden amerikanischen Präsidenten war eine Äußerung, die er am Samstag auf einer Kundgebung in Melbourne im Bundesstaat Florida tat, und in der er zur Rechtfertigung seines - vorerst vor Gericht gescheiterten zeitweiligen Einreisestops für Bürger aus sieben islamischen Ländern auf das Beispiel Schwedens verwies: "look at what happened in Sweden last night." Einhellig lautete der Tenor der hiesigen Medienberichte nun den ganzen Tag über, daß in Schweden "nichts vorgefallen sei," und schon gar kein Terroranschlag.


17. Februar 2017

Zar und Wagenknecht

Die Umfragen und die Medienbegeisterung gehen immer stärker in Richtung Rot/rot/grün - da wollen die Kommunisten im Bundestag schon mal die außenpolitischen Pflöcke einrammen.
Eine "neue Ostpolitik" fordern Wagenknecht und Co. Und die sieht verblüffend so aus, wie die DDR-Ostpolitik vor 1990.

15. Februar 2017

"Det 'gnostika mörkret'": Trump and Circumstance






In einem bewegten Traum sah ich alles erklärt:
Feierlich schwebt Otto Lilienthal im Gleitflugzeug
den steilen Hügel bei Großlichterfelde hinab.
Ein heftiger Wind blies, wie für Drachen,
und jemand sprach eintönig von der „gnostischen Finsternis".
Es war eine Warnung, ein Flüstern, das kam und ging.

- Lars Gustafsson - "Die Gebrüder Wright besuchen Kitty Hawk" (Bröderna Wright uppsöker Kitty Hawk, 1967)

Zu den grundlegenden Prinzipien der Rationation, die der berühmteste Detektiv der Geschichte, so berühmt, daß ihn seine Fan nur als den Großen Detektiv, the great detective, kennen, seinem Adlatus, Amanuensis und Chronisten Dr. Watson ans Herz legte, gehört bekanntlich die Faustregel: "Whenever you have eliminated the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth" - daß, wenn man das Unmögliche ausschließt, der verbleibende Rest, egal wie unwahrscheinlich er sich ausnehmen mag, die Wahrheit sein muß. (Der Ratschlag findet sich im 6. Kapitel des Romans Das Zeichen der Vier/The Sign of the Four von 1890.) Die Betonung des mathematischen Prinzips der Wahrscheinlichkeit, der Probabilität, liefert uns daei vielleicht einen Schlüssel, einen gemeinsamen Nenner zu einer Vielzahl von kleinen wie großen Ereignissen des Weltlaufs der letzten Zeit. Das jedenfalls als eine ludische Hypothese, ein jeu d'esprit, ein bewegter Tagtraum, der alles erklärt.

Es könnte ja sein, angesichts der Häufung der gespenstisch unwirklichen Ereignisse, mit denen man als Zuschauer des Weltlaufs und seines medialen Widerscheins seit geraumer Zeit schikaniert wird, um eine Manifestation eines grundlegenden Prinzips (genauer gesagt: dessen Außerkraftsetzung) handeln. Brexit, der Wahlausgang jenseits des Atlantiks, die wie im Eis erstarrte Reaktionslosigkeit der hiesigen Politik (oder, um einen Tropos der spekulativen Fiktion zu bemühen: in temporaler Stasis): jedes einzelne dieser beunruhigenden Phänomene ließe sich mit Unwissenheit, mit ungeschickt angekreuzten Wahlzetteln, mit spätrömischer Dekadenz erklären - ihre Häufung legt nahe, sie als Epiphänomene eines tieferliegenden Prinzips zu betrachten. Angesichts der von allen Experten erklärten Unwahrscheinlichkeit, 
die sich in ihnen manifestiert, lohnt es sich vielleicht, bei der Suche nach einem gemeinsamen Nenner in dieser Richtung zu beginnen.

Die Probabilität, die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ereignis eintritt, gehört in der Mathematik zu den grundlegendsten, festesten Prinzipien. Daß nach einer genügend großen Zahl von Würfelwürfen die Summe der erzielten Augen, geteilt durch die Anzahl der Würfe, bei 3,5 einpendeln wird, ist ebenso eiserner Bestandteil der Einrichtung der Welt wie die Tatsache, daß eine geworfene Münze zwar drei- oder viermal der gleichen Seite zu liegen kommen kann, sich nach wenigen Dutzend Hochschnippereien aber ein Patt zwischen Kopf und Zahl zeigen wird. Versicherungen nehmen dies als Berechnungsgrundlage ihrer Risikobewertungen, ebenso wie Katastrophenplaner (eine Karambolage zwischen Automobilen ist um Größenordnungen wahrscheinlicher als der verheerende Einschlag eines Meteoriten; und diese Größenordnungen lassen sich erstaunlich präzise beziffern); selbst die Taxierung radioaktiver Strahlung unterliegt diesem Gesetz: der Zerfall jedes einzelnen instabilen Atomkerns ist rein stochastisch bestimmt; aber die Rate des Zerfalls samt der dabei freiwerdenden Energie läßt sich bis auf hinreichende Stellen nach dem Komma voraussagen. Wann ein Atom des Uranisotops 235 zwischen jetzt und dem Ende des Universums zerfallen wird, weiß niemand, nicht einmal die Götter, aber daß von einem Kilogramm dieses Teufelszeugs nach 703,8 Millionen Jahren 500 Gramm sich per natürlicher Alchemie in andere Elemente verwandelt haben werden, daran beißen selbst die Olympischen keinen Faden ab. 

9. Februar 2017

Das mediale Kesseltreiben gegen Trump. Nachtrag



Die konzertierte Treibjagd im Jurassic Park der vierten Gewalt auf den gefährlichsten Predator unserer Zeit, nimmt mitunter Züge an, denen man eine gewisse Ironie nicht absprechen kann. Die amerikanische Ausgabe der ursprünglichen rein britischen Wochenzeitschrift "The Week" hat auf dem Titelbild ihrer amerikanischen Ausgabe vom 28. Oktober 2015, gut zehn Tage vor der Wahl, ihre Leser auf die erwartbare Reaktion der Fans des Trumposaurus Rex, der Dunkelamerikaner und deplorablen Abgehängten vorbereitet. Die sich nicht mit ihrer unausweichlichen Niederlage abfinden würden (wer weiß: vielleicht würden sie am Ende gar Moskaus Cybernauten beschuldigen, die Wahl manipuliert zu haben - "if they think it's stolen"?), im Gegensatz zu den Parteigängern Frau Clintons, die eine (absolut unwahrscheinliche) Wahlniederlage enttäuscht, niedergeschlagen, aber gefaßt akzeptieren könnten, wie es der langen demokratischen Grundierung im Land of the Free entspricht. 

5. Februar 2017

Zwei Randnotizen: Schulz zum ersten und zum zweiten

Wenn es die Woche ein Ereignis gab, dass einen wirklich zum nachdenken bringt, dann ist es der plötzlich Höhenflug der SPD unter Martin Schulz.

4. Februar 2017

Neues von der Lügenpresse II: Das trumpsche Kesseltreiben

Der Begriff Lügenpresse war schon des Öfteren Thema in Zettels Raum und hat nicht zuletzt durch die geplante Einrichtung eines Wahrheitsministeriums um den scheinbar so allgegenwärtigen "Fake-News" begegnen, weitere Bedeutung gewonnen. An dieser Stelle möchte ich allerdings auf einen Seitenaspekt eingehen, der eben nicht direkt mit dem Begriff der Gesinnungspresse (der Begriff gefällt mir immer noch am besten) assoziiert ist, aber in meinen Augen mindestens ebenso schwer wiegt, wenn nicht sogar schwerer als die direkte Wirkung der falschen Information. Und zwar die irgendwann schlicht nicht mehr vorhandene Information.

1. Februar 2017

Schulz und der Doppelpass - Ein Gedankensprung

Zu Martin Schulz wurde schon alles gesagt, und zwar fast wirklich von jedem (natürlich auch vom Verfasser dieser Zeilen). Eine Auseinandersetzung mit dem bisweilen zum Vorschein gekommenen Nasenrümpfen über die früheren persönlichen Probleme des SPD-Kanzlerkandidaten erübrigt sich genauso wie der Hinweis, dass ein gelernter Buchhändler in dem Dickicht aus vollendeten und abgebrochenen Akademikern einen erwünschten Vielfaltsakzent setzen könnte und dass ein ehemaliger Bürgermeister einer mittelgroßen Stadt den vom rauen Klima der Außenwelt abgeschirmten Gewächsen aus den Parteitreibhäusern an praktischer Regierungserfahrung überlegen sein dürfte.

29. Januar 2017

Grundsätzliches (1): Heimat

Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!
[...]
Weh dem, der keine Heimat hat.

Friedrich Nietzsche, "Vereinsamt"

Die Geburt ist die Urkatastrophe des Lebens und wie der Tod eine Konstante desselben. Alle Menschen werden geboren, alle Menschen sterben. Deshalb hat jeder Mensch einen Geburts- und einen Todesort.

Mit dem Geburtsort sind wir zeit unseres Lebens auf gar nicht wunderbare, sondern bürokratische Weise verbunden. In so manchem offiziellem Dokument ist er verzeichnet, und auch diejenigen, die gleich nach ihrem Erblicken des Lichtes der Welt an andere Gestade verschifft werden und nimmermehr zurückkehren, bleiben durch ihre Personenstands- und Identitätsdokumente von der Wiege bis zur Bahre an denjenigen Erdenpunkt erinnert, an dem sie zum ersten Mal Festland betraten.

28. Januar 2017

Trump, die AFD und der politische Kompass. Das Konzept der Ideologie sui generis

Einer der größten propagandistischen Erfolge der Linken (gemeint ist das Lager, nicht die SED) dürfte es sein, im kollektiven Bewusstsein die Vorstellung von einem rechten Spektrum verankert zu haben, in dem zwischen den konservativen Parteien und den Nazis respektive Faschisten angeblich nur ein gradueller Unterschied besteht. Die von dieser Mär Betroffenen sind an dieser Mystifikation freilich nicht ganz unschuldig. Denn so weist zum Beispiel die Strauß-Doktrin, der zufolge es rechts von der CSU keine Partei geben darf, in genau diese konzeptuelle Richtung.

Dabei drängen sich Zweifel an einer derartigen Theorie geradezu auf: Wer die Bezeichnung Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei als Etikettenschwindel abtun möchte, gerät schnell in einen Beweisnotstand. Das 25-Punkte-Programm der Bewegung aus dem Jahr 1920 dürfte jedenfalls ab der Forderung Nummer 12 in linken Gehirnen einen gewissen Appeal entfalten. (Exkursweise sei vermerkt, dass in Punkt 23 zum "gesetzlichen Kampf gegen die bewußte politische Lüge und ihre Verbreitung durch die Presse" aufgerufen wird. Nur gut, dass heutzutage dergleichen nicht zur Debatte steht.)

27. Januar 2017

Ich bin nicht wie ihr. Ein Gedankensplitter.

Kennen Sie Garzweiler, lieber Leser? Den Älteren mag es ein Begriff sein, den Jüngeren vermutlich eher weniger. Garzweiler war (oder ist) eine Ortschaft im west­liche Rheinland und musste in den achtziger Jahren dem gleichnamigen Braunkohletagebau weichen. Weichen bedeutet in diesem Fall, dass die ganze Ortschaft ins benachbarte Jüchen umgesiedelt wurde. Was wiederum sich erklärt, als das man den Dorfbewohnern ihren Grundbesitz nahm und ihnen neue Häuser in einigen Kilometern Entfernung baute. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch auf der Schule war, hatte ich die Gelegenheit in einem Tagesausflug sowohl den Tagebau zu besichtigen als auch das anschließende "Neu-Garzweiler" zu besuchen. Meine liberale Seele war damals wohl noch zu unterentwickelt, aber ich weiß bis heute, dass der eigentliche Fakt, dass man den Leuten mit staatlichem Zwang im Namen des "Höheren Gutes" ihren Besitz enteignet hat, mich nicht so sehr angefochten hat. Aber was bis heute in Erinnerung blieb war die Ortschaft "Neu-Garzweiler". Denn sie war erschreckend.